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Georg Kreisler: Der Tod, das muß ein Wiener sein

Georg Kreisler:
Danse macabre
, 1975.

Der Herr Doktor Versaltzer tanzt nächtlich den Walzer
mit Esther, einer kleinen Schwester,
im Spital
durch die Abteilung Bronchien und Lungen
eng umschlungen
durch die Geistesgestörten zum Kriegsversehrtensaal.

Der Herr Doktor Versaltzer tanzt Walzer gern ohne
Orchester, aber auch die Schwester
liebt er sehr.
Und so tanzen sie zärtlich und innig
durch die Klinik,
über Watte und Pillen, Bazillen ringsumher.

In Zweihundertdrei stirbt Herr Meier,
in Zweihundertvier stirbt Frau Kraus.
Herr Meier hat eitrige Eier,
Frau Kraus hat vier Kinder zuhaus.

Frau Schultz nebenan hat ein Brustkarzinom,
und jetzt spuckt sie noch Blut jede Nacht.
Und die kleine Marie hat die Epilepsie,
dabei ist sie erst siebn oder acht.

Und alle hört man sie stöhnen,
als könnten sie sich nicht dran gewöhnen,
nur der Doktor Versaltzer tanzt Walzer
und trällert und lacht.

Aber Esther, die Schwester, hält fester den Doktor
und enger, und sie blickt ihm strenger
ins Gesicht,
und sie lauscht mit bekümmerndem Wimmern
in den Zimmern.
Ihre Augen beginnen zu schimmern, und sie spricht:

„Wie lang wollt ihr Ärzte, ihr lieben,
den Tod nur verschieben?
Wann setzt ihr euch endlich in Trab
und schafft ihn ab?

Der Tod ist ist so grausam und gründlich,
doch sicher überwindlich!
Aber ihr handelt verlogen mit Drogen,
der Tod selbst hat euch dazu erzogen,

wobei ich aber auch zugeben muß:
Wenn der Tod eines Tages nicht wär,
dann wär’s auch mit eurer Machtstellung Schluß,
denn dann bräuchte man euch ja nicht mehr!

Jawohl, der Tod hat für euch was kommodes,
nicht wahr? Der bringt euch immer was ein,
und darum seit ihr Ärzte auf der Seite des Todes,
sonst könnt dieser schrecklich willkürliche,
widernatürliche Tod längst nicht mehr sein!“

Da lächelt der Doktor, doch stockt er nicht
eine Sekunde. Er tanzt seine Runde
nach wie vor,
und zertritt in den Fußbodenritzen
ein paar Spritzen,
und dann presst er die Schwester und flüster ihr ins Ohr:

„Schau, dort kommt schon das Zimmer, wo wir beide immer
kampieren zwischen den Klistieren
und dem Jod...
Du siehst vorher so blaß und hysterisch aus,
doch nachher frisch und rot!
Ja, wir Ärzte sind auch für das Leben da,
und nicht ausschließlich für den Tod!"

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