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<i>Caprice fantastique, Danse macabre</i> aus den <i>Grüßen an die Jugend</i>

Almut Ochsmann: Ein Totentanz von Max Reger?

 


Caprice fantastique, Danse macabre aus den Grüßen an die Jugend      .mp3
mit freundlicher Genehmigung von Max Reger: Das Klavierwerk, Vol 11, Markus Becker, Klavier, Thorofon 2001, LC 01958.

Erst nachdem Franz Liszt 1849 den "Totentanz - Paraphrase über Dies irae" zu dem Fresco "Trionfo della Morte" (um 1330/40) im Camposanto von Pisa komponiert hatte, verbreitete sich die Idee, Totentänze in Musik zu setzen. Wolfram Steinbeck ist sogar der Meinung, Franz Liszt habe nicht nur die Bezeichnung "symphonische Dichtung" erfunden, "sondern war offensichtlich auch der erste, der Musik nach Bildern komponierte."[1] Auch Camille Saint-Saëns schuf 1873 eine "Danse macabre" op. 40, eine sinfonische Dichtung, die zur Verbreitung der französischen Bezeichnung beigetragen haben dürfte. Wie andere Künstler auch, haben Komponisten teils einzelne Szenen aus dem Totentanz herausgegriffen, am bekanntesten ist wohl die Begegnung von Tod und Mädchen, die Franz Schubert in einem Lied und einem Streichquartett verarbeitete. Ist es möglich, dass Max Reger (1873-1916) bei seinem Klavierstück Caprice fantastique, Danse macabre ebenfalls das Bild "Der Tod und das Mädchen" im Kopf hatte? Durch Max Regers Werk zieht sich der Tod wie ein roter Faden.

Gegen Ende seiner Wiesbadener Zeit versuchte Reger, mit gängiger Klaviermusik seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er komponierte die Grüße an die Jugend im Frühjahr 1898. Unter dem Titel wollte er sechs Stücke zusammenfassen, von denen das Caprice fantastique, Danse macabre ursprünglich das dritte sein sollte. Zu Regers Lebzeiten kam es aber nicht dazu, weil der Verleger George Augener das Werk nicht drucken wollte. Reger entnahm das zweite Stück, die Nordische Ballade, und integrierte sie in die Aquarellen Op. 25 als Nr. 4. Damit gab Reger die Grüße an die Jugend auf. Im Reger-Werkverzeichnis sind sie unter WoO III/6 (1898)[2] als Werkganzes mit sechs Stücken aufgenommen. Die sechs Stücke für Klavier sind Edvard Grieg (1843-1907) gewidmet, über den der 21-jährige Reger schrieb: "Ach Gott, was ist denn schließlich die ganze Originalität Griegs. Seine Kammermusikwerke sind einfach keine Kammermusikwerke. Er kommt mir vor wie ein in Syrup getaufter nordischer Bauer."[3] Doch Grieg dachte bekanntlich über Reger auch nicht besser, als er schrieb: "Vielen Dank für das regersche Quintett. Das ist allerdings "Plumpuddig".[4] Agnes Michalak hat gezeigt, dass Reger sich in den Grüßen an die Jugend auf die Klavierwerke Edvard Griegs, aber auch Robert Schumanns bezieht, und zwar nicht nur in der Wahl seiner Titel, sondern auch kompositorisch.[5] Im Caprice fantastique könne man "Anklänge an Griegs Sie tanzt op. 57, Nr. 5" hören: "Die Assoziationen werden vor allem durch die teilweise ähnlichen rhythmischen Figuren hervorgerufen. Die eigentümliche Klangfarbe dieses Stückes wird durch die herbe Harmonik bewirkt."[6] Sollte Reger sich wirklich an Griegs "Sie tanzt" orientiert haben, so würde das die These stützen, dass Reger hier an ein tanzendes Mädchen gedacht hat. Dass allerdings der Tanzpartner der Tod sein könnte, gilt es zu zeigen.

Im Notenbild sind sechs verschieden lange Teile durch Doppelstriche voneinander abgesetzt. Der erste Teil ist 16 Takte lang und kann als Vorstellung des tanzenden Mädchens gehört werden. Das tanzende Motiv im Dreivierteltakt ist reich an Verzierungen wie ausgeschriebenen Prallertrillern und Vorschlägen. Beide Hände springen hin und her auf der Tastatur; man könnte sagen, genau wie das Mädchen, das tanzt. Die Vortragsbezeichnung lautet "con anima", also mit Seele, dynamisch ist Pianissimo vorgegeben. Dass es in diesem Tanz ein Störmoment (fast könnte man sagen: eine Schrecksekunde) geben wird, deutet sich in Takt 11 auf Zählzeit drei an: Der Pianist muss beide Hände zur Oktave spannen und, nach einem Diminuendo, im Fortissimo in relativ weiter Lage zupacken; in Takt 13 wird dieses Signal alteriert wiederholt. Ab diesem Moment treten Triolen als rhythmische Beschleunigungselemente in den Tanz ein. In Takt 17 kommt der Tod - wenn man diesem Hörmodell folgen mag - zum ersten Mal zu Wort: Beide Hände sind im Bassschlüssel notiert, sie laufen unisono in Oktaven, C liegt als Halteton, Anfang und Ende des Motivs sind leere Quinten. Während der Rhythmus bislang verspielt war, ist er jetzt ruhig und gleichmäßig, allerdings mit der charakteristischen Triole; gespielt werden soll dies im Fortissimo. Die Takte 21 bis 36 können als Begegnung von Mädchen und Tod gehört werden. In Takt 38 deutet ein Doppelstrich einen neuen Teil an: Schnelle 32tel-Läufe könnte man als Zurückweichen hören, als Versuche des Mädchens, sich aus den Fängen des Todes zu lösen, während dieser sich aus der Tiefe (Takt 40) in Triolen nach oben hoch schraubt und heranpirscht. Dieser kleine Formteil wird später (Takt 101-105) wiederholt. Dort steht am Ende der Triolenfigur ein langer Seufzer, eine kleine Terz nach unten, über jeder Note eine Fermate, ein Moment des Innehaltens. Was dann folgt, ist nur noch eine Reminiszenz an den Anfang.

Ab Takt 44 kommt der Tod richtig zu Wort: zunächst im Pianissimo, "Meno mosso" und im Bassregister. Was er zu sagen hat, scheint ungewiss zu sein, changiert zwischen Dur und Moll, der tänzerische Dreivierteltakt ist aufgeweicht durch Viertelpausen auf der ersten Zählzeit und Verschiebungen des Taktschwerpunkts, wieder spielen beide Hände unisono. Lange Haltetöne geben dem Abschnitt etwas Sonores, die Führung in Oktaven etwas Gewichtiges. Der Ambitus der Melodie bleibt in Takt 17ff innerhalb einer Quinte und in Takt 46f einer verminderten Quarte. Alle Töne der Melodie durchschreiten jede chromatische Stufe dieser Intervalle. Die Hände des Pianisten stehen fast statisch, nur die Finger bewegen sich.

Folgt man dieser Hörweise, so ist im abschließenden Pianissimo-Abschnitt (Takt 106ff) der Tod des Mädchens zu hören: Nach den beschriebenen Fermaten (Takt 105) folgt ein Rhythmus, der zuvor noch nicht da war: eine Quartole - das Mädchen scheint aus dem Tritt gekommen. In Takt 108 erklingt ein chromatisches Seufzermotiv im Pianissimo und mit dem Ton b3 ist einer der höchsten Ton des Stückes überhaupt erreicht. Auf dem letzten Ton wird die linke Hand nach unten oktaviert: Hier sind die tiefsten Tiefen des Stückes erreicht. Es ist durchaus möglich, das Klavierstück Regers als Dialog oder Begegnung eines tanzenden Mädchens mit dem Tod zu hören; jedoch gibt es außer dem Untertitel des Stückes keine weiteren Hinweise darauf, dass Reger sich mit Totentänzen beschäftigt hat.


Anmerkungen
[1]    Wolfram Steinbeck: Musik nach Bildern. Zu Franz Liszts Hunnenschlacht, in: Töne - Farben - Formen. Über Musik und die bildenden Künste, herausgegeben von Elisabeth Schmierer, Susanne Fontaine, Werner Grünzweig und Matthias Brzoska, Laaber 1995, S. 17-38, hier S. 17.

[2]    Siehe dazu: Thematisch-chronologisches Verzeichnis der Werke Max Regers und ihrer Quellen. Reger-Werk-Verzeichnis (RWV), Band 2. hrsg. von Susanne Popp, München 2010, Band 2, S. 909.

[3]    Brief Regers vom 30. Oktober 1894 an unbekannt, J.A. Stargardt, Auktionskatalog Nr. 678, Oktober 2003, S. 241, zitiert nach RWV, Band 2, S. 910.

[4]    Edvard Grieg, Briefwechsel mit dem Musikverlag C.F. Peters, hrsg. von Finn Benestad und Hella Brock, Leipzig u.a. 1997, S. 596.

[5]    Agnes Michalak: Max Regers Charakterstücke für Klavier zu zwei Händen, Karlsbad 2007, S. 137.

[6]    Ebd, S. 164. Siehe auch S. 82 und S. 163-164.

Anschrift

Europäische Totentanz-Vereinigung, Dr. Uli Wunderlich, Josephstr. 14, D-96052 Bamberg
Telefon +49 951 2972832, Fax +49 951 2972859, Mail: webmaster@totentanz-online.de