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Arnold Schönberg: Totentanz der Prinzipien, 1914

Arnold Schönberg: Totentanz der Prinzipien, 1914


Unvertont gebliebenen Libretto im Jahr 1926 veröffentlicht:

(Orchestervorspiel, kurze Skizze eines Ereignisses, in hartem, trockenem Ton, dann Begräbnis, Begräbnisrede, alles sehr kurz, kurze Pause, hierauf Turmglockenschlag hinter der Szene, der im Laufe des folgenden immer lauter und rascher wird, um nach und nach in wütendes Glockengeläute überzugehen.)

Zwölf Schläge - - -dreizehn! vierzehn - - -fünfzehn! - - - Oho! was bedeutet das? Sechzehn, siebzehn! - Soll es heute zweimal Mitternacht werden? Oder noch öfter? Die Mitternacht der Mitternacht? Das Schwärzeste? Dunkelste? - - -

(Das Geläute hört auf.)

(Pause.)

Das Dunkelste - - - es scheint nie Licht gewesen zu sein. Das Dunkel ist ewig; es war, ist und wird sein. Im Anfang war das Dunkel, immer war es und wird immer sein - - - das ist die Unendlichkeit, das Unvorstellbare, weil es sich von keinem Hintergrund abhebt: hinter dem Dunklen ist wieder Dunkles. Und das Fernere ist nicht dunkler, als das Nähere. Ein Ton! Ohne jeden Unterschied. - - -

(Pause.)

Lebt etwas? - - -

(Pause.)

Nichts! - - -

(Pause.)

Doch - - -etwas - - - man hört es - - -alles - - - alles ist zu hören - - - zuviel, zuviel; zuvieles gleichzeitig. -

Alles lebt; alles Tote ist lebendig;
das jagt, tobt, stürmt, braust;
es sticht, brennt, schmerzt,
tut wohl und weh,
ist gleichgültig und aufregend,
wahr und erlogen, - -- -

es lebt!

Zuviel - - - es ist so unerträglich wie das
unendliche Licht.
Man hört zuviel!

Jetzt kann man unterscheiden. Eines ist lauter als alles andere. Alles andere ist überhaupt ganz leise. Kaum mehr zu hören. Das eine schwillt an:

(Leises Lachen).

Ha, ha, ha, - - - (immer lauter).

Ha, ha, ha, -- - - (in ein höhnisches Getöse übergehend).

Ha, ha, ha . . . .

Ein Freudenlaut! (tosendes Lachen).

Ha, ha, ha . . . .

Wie das warm und sonnig tut, so niedlich, neckisch und hübsch; so abgeschlossen und endgültig. Irgend ein Winkel hält sich für die Welt und meint, das wäre was. Und fühlt sich! Sich fühlen, das ist Freude, sonst nichts. Aber die Welt? - Wer fühlt sie? Sobald wir zu unterscheiden anfangen, hören wir auf zu sehen. Blinde fühlen sich und können sich freuen.

Das Dunkel wird sichtbar - - -!

Sollte die Freude Recht haben?

Das Dunkel ist eigentlich ziemlich hell - und hinten ist's noch heller!

Oder eigentlich fahl - -

Oder ist das nicht schal?

Man kann Sehen, Tasten und Schmecken nicht mehr unterscheiden. Man unterscheidet zuviel!

Das Fahle sticht auch; und schreit und stinkt.

Oh! es kann auch lügen - - -

Oh; und es sieht auch wie Wahrheit aus - - - (mit ironischem Pathos; dozierend).

Wir erkennen, daß es lebt; an seiner Fahlheit und Schalheit; am Reichtum seiner Undeutlichkeiten; an der Verborgenheit jeglichen Sinnes; am starken Eindruck von Schmerz und Lust. (übergehend) Daran, daß das Fahle und Schale sich jetzt in Farben und Formen auflöst; das nennt man: sich verbinden . . . (beschreibend) Es zerfällt immer mehr und ist in Bewegung. (gläubiger) So vieles und jedes einzelne scheint wichtig . . . (wärmer) Jetzt singt es; jeder singt etwas anderes, meint, daß er dasselbe singt und tatsächlich klingt es in einer Richtung einstimmig, (staunend) in einer anderen mehrstimmig. In einer dritten und vierten klingt es noch anders; aber das kann man nicht ausdrücken. Es hat überhaupt unzählige Richtungen und jede einzelne ist wahrnehmbar. (Steigernd) Und alle verlieren sich irgendwohin, wo man sie finden könnte. Es wäre leicht, ihnen nachzugehen, denn jetzt hat man die Anschauung . . . .

Es wächst; oder eigentlich: es dreht sich. Aber das ist dasselbe. Denn beim Wachsen nimmt es nicht zu und im Drehen zeigt es anscheinend immer dieselbe Seite.

Das müßte man eigentlich erfassen können, da man jetzt die Anschauung hat!

Es ist doch nur ein Ton! Ohne jeden Unterschied.

Ein Ton? Oder ist es kein Ton? Oder sind es viele Töne? Alle? Ist es unendlich oder nichts?

Unmöglich!

Die Vielheit vorhin war leichter zu erfassen, als die Einheit jetzt. Es ist überwältigend. Es ist herrlich, weil es überwältigend ist. Jeder singt etwas anderes, meint, daß er dasselbe singt, aber tatsächlich klingt es mehrstimmig, fünf-, sechs- oder nur dreistimmig. Oder sind es mehr? (übergehend) Oder doch weniger? Oder nichts? - - - Eigentlich ist das lächerlich! - - -

Man sieht ja die Fäden! Alles läuft auf Schienen. Und komisch - - dennoch kommen sie nie dort heraus, wo sie sollten. Meistens drunter. Da kommen auch einige drüber - aber das wird auch wohl wenig Sinn haben. Schrecklich viel Ordnung ist in dem Ganzen. Und ebensoviel Unordnung. Wenn man nämlich nach Sinn fragt. Alles ist gleichzeitig Ordnung und Unordnung. Man kanns nicht unterscheiden, noch weniger sich entscheiden.

Es ist vielleicht überwältigend, aber man hat kein Bild. Das hat man nur, wenn man alles rings um den Rahmen wegbläst.

Jetzt verschwinden die Farben.

Die Formen treten ab; in Reih und Glied - hier wenigstens Ordnung; aber sinnlose -. Weg damit; ins Fahle! Nein, das ist nicht fahl, sondern geistig.

Aber es ist auch nicht der Sinn, denn es sieht aus, als ob es über dem Ganzen stünde, aber unter ihm ist nichts. Trotzdem schwebt es nicht, sondern klebt an etwas, das nicht da ist.

Es wird größer - von innen heraus! Wie es sich bläht - jetzt füllt es mit seiner Leere den ganzen Raum - gleich wird es platzen!

Nein, es platzt nicht!

Es scheint keinen Druck zu haben - vielleicht ist es deshalb beständig.

Doch nicht - es platzt!

Aber es ist noch da, obwohl es geplatzt ist.

Und es war nichts zu hören oder zu sehen, wie es geplatzt ist; kein Druck, keine Bewegung, keine Veränderung.

Es ist vielleicht überwältigend, weil es kein Bild ergibt. Keinesfalls ist es besonders anziehend.

(altklug) Das ist auch ganz unfaßbar; unkonsequent: die geistige Welt bricht grundlos zusammen; oder platzt. Anscheinend vollkommen grundlos. Ursachen sind da; aber Gründe? Ein Ereignis ist kein Grund. Ereignisse sind genug da. Sehr nette sogar; sozusagen "hinreichende". Genug um eine Gefühlswelt zu zerstören. Aber man glaubt der geistigen gerecht zu werden, wenn man die noblerweise übersieht! Aber warum ist die geistige geplatzt?

Und das ist das Lächerlichste: daß sie wieder da ist. Oder ist das am Ende doch etwas anderes?

Etwas Neues?

Genau hinsehen! . . . .

Nein! Es ist dasselbe in einer anderen Form: eine Gefühlswelt in Form einer Geisteswelt. (Dozierend) Da sieht man, wie alles Geistige nur Gefühlen entspricht.

Jetzt fängt der alte Zauber wieder an.

Das Vorherige war doch noch amüsanter. Denn dieses will noch anders ernst genommen werden, als jenes; das verlangt seelische Hingabe! (Steigernd, erregt; ungern sich wehrend.) Das einzige was man zu sein scheint, obwohl mans nicht gewiß weiß.

(Energisch, stark) Das mag man nicht geben! Um keinen Preis!

Laß los! Gib die Freiheit, die Unabhängigkeit!

Die Teilnahmslosigkeit! Das Lachen!

(Große Steigerung) Nichts sollst du haben, nichts. Du Gieriges; du Unersättliches!

Ah! Oh! Wie es einen peitscht, sticht, quält, foltert!

(Neu anfangend) Ohne Gnade. - Mit seiner Moral, seiner Ethik, seinen Vorschriften und Regeln.

"Du sollst" - aber ich mag nicht. Ich muß nicht!

Zum Teufel damit - das ist das Widerlichste von allem; das Zudringlichste! (Steigernd) Es durchdringt den Leib, wie ein Gestank die Nase. Es läßt sich nicht abweisen. - Aus allen Poren bricht es wie Schweiß wieder heraus - so als ob man es selbst erzeugte. Das kann doch nicht sein!

Sollte dieses Eklige in uns sein?

Dann ist es auch außer uns! Dann ist es unser inneres und äußeres Wesen.

Der Urschleim, von dem wir ein Teil sind!

(Lange Pause.)

Genug! das ist unerträglich . . . .

(Orchester ganz verschwindend.)


>Alles ist weg!

(Es schlägt dreizehn.)

Dreizehn. - Zwar nicht zwölf, aber immerhin eine

Grenze in dieses Leere! Zerknirschung bleibt: Aber sie erklärt nichts, denn sie nennt ihren Anlaß nicht. Sie ist nicht ohne Reue, aber ohne anschauliches Bild. Das geistige Auge ist blind vor ihr, der Wille nicht gesonnen, ihr Opfer zu bringen.

Nicht zum kleinsten Verzicht vermag sie zu bewegen.

Alles, was ihr Anlaß sein könnte, übt größere Verlockung: denn sie ist ohne Bild.

(Zwischenspiel.)

Eine schale Hoffnung: man ist eben erwacht, hat heitere oder gleichgültige Traumbilder hinter sich - eigentlich keine wirkliche Hoffnung; nur: die Hoffnungslosigkeit ist für einige Augenblicke vergessen; wirklich nur vergessen. Trotzdem erfrischt sie und kräftigt: der Mensch lebt gerne und glaubt gern. Täuschung oder Vergessen genügt ihm; blind sein!

Das Dunkel weicht - - -

Aber die Sonne ist ohne Kraft.

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